Eine literarische Ausstellung
Fünf Sommer
EINE LITERARISCHE Ausstellung
Fünf Sommer
In dieser literarischen Ausstellung nimmt euch die Künstlerin Sabine Walter mit auf eine Reise. Auf eine Reise in verschiedene Ebenen und Erfahrungsräume. Ihr könnt wählen, ob ihr den Text lest oder euch das Audio zum Bild anhört.
Taucht ein in die Bilder. Taucht ein in die Worte, taucht ein in die Musik und erlaubt euch, die jeweiligen Geschichten in euch zum Klingen zu bringen.
Vielleicht kennt ihr den Ort. Vielleicht erinnert euch ein Mensch an jemanden. Vielleicht berührt euch ein Detail, ohne dass ihr genau wisst, warum. Vielleicht entsteht vor eurem inneren Auge eine Geschichte, die mit dem Bild nur noch wenig zu tun hat.
Manche Geschichten in dieser Ausstellung sind für mich, Sabine, miteinander verwoben. Andere nicht. Vielleicht entstehen aber in euch Verbindungen, die ich beim Schreiben, Fotografieren, beim Einsprechen und Komponieren nicht gesehen habe. Vielleicht erzählt euch ein Bild etwas völlig anderes, als es mir erzählt hat.
Öffnet euch für eure Wahrnehmung. Öffnet euch für eure Kreativität und erlaubt eurer Phantasie, sich zu entfalten. Jede Geschichte trägt so viel Magie in sich. Wir erfahren sie, wenn wir uns ihr öffnen – mit all unseren Sinnen.
Fünf Sommer | Eine literarische Ausstellung von Sabine Walter
Nicht schon wieder.
Heute hatte sie es eilig.
Warum konnte Maurice seine verdammten Kühe nicht selbst von einer Weide zur anderen führen? Warum mussten sie ihren Weg immer alleine finden?
Sie hupte.
Emma, die Leitkuh, drehte sich nur mitleidig nach ihr um und ließ dann – quasi als Antwort auf ihr Gehupe – einen Fladen direkt vor ihr Auto fallen.
„So eine Scheiße“, entfuhr es ihr.
Und dann musste sie lachen. Was machte es schon, wenn sie eine Viertelstunde zu spät kam. Auf sie wartete niemand.
Carine schlüpfte aus ihren roten Pumps, angelte sich die Gummistiefel von der Rückbank und stieg aus. „Allez, les filles“, versuchte sie die Herde anzutreiben. „Allez!“
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Er wacht schweißgebadet auf. Die kühle Luft lässt ihn frösteln. Dann der Griff zur Seite. Nichts.
Wo war sie?
Er erweitert seinen Tast-Radius. Wieder nichts. Wo war sie nur? Verdammt! Vor dem Einschlafen hatte sie neben ihm gelegen.
Er hört ein leises Knacken. Da war sie also. Seine Brille.
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Die Uhr, die sein Großvater ihm vererbt hatte, ging immer zuverlässig.
Dass das Glas jetzt einen Sprung hatte, machte ihn rasend. Wieso musste das Auto vor ihm so abrupt bremsen?
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Wie jeden Morgen begrüßt sie ihn mit einem Lächeln.
Zur Antwort reckt er seinen Kopf in ihre Richtung. Dann schwimmt er langsam los, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.
Sie steigt die Leiter hinab, Stufe für Stufe, und gleitet in das kühle Nass.
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Sie setzt der Schaufensterpuppe den großen Strohhut auf und rückt sie zusammen mit dem Stuhl noch ein wenig in den Schatten.
Dann geht sie in ihren roten Pumps ein paar Schritte zurück, schaut noch einmal auf den kleinen Bildschirm der Kamera und drückt den Auslöser.
„So ein dämlicher Job“, flucht sie.
Als ob irgendjemand auch nur einen Penny in diesen verlassenen Hof mitten im Niemandsland investieren würde.
Aber der Makler hatte gesagt: „Inszenieren Sie ihn als Künstlerhof.“ Und ihr ein Töpferei-Schild in die Hand gedrückt.
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Er war völlig irritiert.
Noch nie, noch nie in seinem ganzen Renterleben hatte er an einem Freitagmorgen die Tageszeitung, seine Tageszeitung, vollkommen zerknittert in seinem Briefkasten gefunden.
Wenn er auch heute seinen engen Zugang zur Außenwelt behalten wollte, musste er wohl oder übel zum Bügelbrett greifen.
Er ging zackigen Schrittes über das knarrende Parkett, stolperte fast über den Koffer, der schon seit Jahren halb gepackt auf dem Boden lag, und öffnete die Tür des kleinen Verschlags im Flur.
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45 Kilometer.
So weit war der Weg, wenn sie nah am Ufer ging. Ihre Füße taten ihr weh.
Die Pumps hatte sie schon lange ausgezogen und ins Wasser geworfen.
Ihr Haar hing ihr strähnig im Gesicht, und langsam fielen die Mücken über sie und ihre schweißnasse Haut her.
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Ob er das Netz der Spinne bemerkte?
Sie hielt den Atem an, während er – als ob er eine Wendeltreppe hinabstieg – den stacheligen Stiel der Brombeere herablief.
Seit zwei Stunden lag sie schon auf der Decke im Garten und genoss die Sonne. Kostüm und Pumps lagen neben ihr.
In einem der Küchenschränke hatte sie sogar noch einen Rest Kaffee und eine abgelaufene Dose Thunfisch gefunden. „Pas terrible, mais mieux que rien.“
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Stundenlang konnte sie vor diesem kleinen Kiosk verbringen. Fast als würde sie aus den einzelnen Worten der Buchrücken eigene Geschichten erträumen. Und wenn sie alle nur möglichen Kombinationen erdacht hatte, wandte sie sich den Buchstaben zu und formte sie mit einer spielerischen Leichtigkeit erst zu neuen Worten, dann zu wiederum neuen Geschichten. Stundenlang.
Die Kinder liebten sie dafür. Sie konnte mit ihrer weichen Stimme so einladend erzählen. „Aurélie, Aurélie!“, riefen sie sie, wenn sie sie erblickten. „Madame la folie“ nannten die Nachbarn sie abfällig.
Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie sich das erste Mal begegnet waren. Aber irgendwann wurde sie seine Frau. Und nachdem sie die Zwillinge tot zur Welt gebracht hatte, stand sie jeden Tag von morgens bis spät in die Nacht vor diesem Kiosk und starrte die Bücher an.
Jetzt tat er es ihr gleich und beobachtete die Fliege, die nun schon eine Weile immer wieder ihren Kopf an der Scheibe stieß.
„Irgendwann musst du doch merken, dass du dort nicht rauskommst.“, brummte er vor sich hin. Dann drehte er sich zu seinem Fahrrad, legte das Baguette in den Korb, krempelte das linke Hosenbein nach oben und fuhr los.
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Für alle, die den Sommer vermissen und musikalisch noch mal in ihn eintauchen möchten, gibt es das Album SUMMER MEMORIES
War das nützlich?